Versuch Essen und Trinken mit Sprechkanüle – ohne vollständige Blockung

Die Tage schrieb ich ja, dass ich mich nun immer entscheiden müsste: Sprechen oder Essen/Trinken. Denn ich aber für meine Kanüle zwei verschiedene Seelen. Eine geschlossene und eine offene. Mit der offenen Seele gelangt durch die Kanüle Luft an die Stimmbänder und ich kann sprechen. Die geschlossene Kanüle sei, so schärfte mir man im Krankenhaus ein, zum essen und trinken. Denn nur mit der sei die Trachealkanüle vollständig geblockt, es bestände keine Gefahr irgendwas einzuatmen, was gefährlich sein könnte.

Leider ist das Essen mit einer totalen Blockung sehr anstrengend. Flüssigkeiten verirren sich besonders gerne in die Luftröhre und treten dann rund um den Kanüleneingang auch gerne mal aus, was zu unappetitlichen Austritten führt. Besonders lustig kommt da Schokolade, aber auch Brühe wirkt dabei sehr unnett. Feste Nahrung verirrt sich auch manchmal dahin, kann aber dann abgehustet werden. Ist aber sehr anstrengend. Viel essen kann ich so nicht.

Ich mach aber tapfer meine Sprachübungen in der Hoffnung, dass es für das Schlucken was bringt. Außerdem ist mir aufgefallen, dass ich mit Sprechkanüle eigentlich sehr viel Schlucken muss, die Spucke aber inzwischen wohl richtig in der Speiseröhre landet und nicht wie zu Anfangs eben dort wo die Luftröhre ist. Und da mir nur wenig so sehr die Laune verdirbt wie nicht richtig essen können, habe ich es nun gewagt und esse nun mit der roten Sprechkanüle. Und es klappt. Zumindest zu 95 Prozent. Ok, der eine oder andere Hustenanfall ist auch dabei (seit dem ich nicht mehr Rauche huste ich mir noch einen Muskelkater an), aber es klappt.

Ganz am Anfang ist es mir ja zwei Mal passiert, dass ich mit der roten Sprechkanüle getrunken habe. War lustig, das Wasser hat direkt den Weg in Richtung Trachealkanüle genommen und ich hab mich ziemlich erschrocken, als es wie ein kleiner Wasserfall dort rauskam (ok, das war jetzt etwas übertrieben, schließlich nehme ich heute noch nur kleine Schlucke). Selbst Wasser – und dabei zählen klare Flüssigkeiten zu den schwierig zu schluckenden Dingen, die man konsumieren kann – landet also nun korrekt.

Es ist echt gut, endlich wieder halbwegs vernünftig trinken und essen. Ok. Nächste Woche beginnt die Bestrahlung und ich gehe schon davon aus, dass meine Mundschleimhaut nach ein paar Tagen sich melden wird und es dann wieder schwieriger wird mit dem richtigen Essen und Trinken. Aber wenigstens habe ich ein paar Tage, in denen ich halbwegs vernünftig essen kann. Zwar keine riesigen Portionen, aber immerhin.

Heute Abend gibt es zum Beispiel endlich Fondue. Fleischfondue in Fett. Und da ich ja nur kleine Portionen essen kann sparen wir auch noch richtig Geld, denn die Preise für Rinderfilet in Deutschland sind nun mal happig. Also hat das ganze mit der Operation etc. auch noch ein klein wenig was Gutes 🙂

Was nicht klappt ist schlafen mit der Sprechkanüle. Heute Mittag haben wir Mittagsschlaf gemacht und da wollte ich es testen bzw. habe ich gestestet. Aber ich bekomme dann einfach nicht genug Luft. Vielleicht ist es auch nur Einbildung und vielleicht hätte es gereicht, wenn ich die Kappe abgemacht hätte von der Trachealkanüle, aber ich hab dann doch lieber auf die weiße Seele gewechselt. Das war mir eigentlich auch lieber. Ich meine tagsüber die ganze Zeit mit offener Kanüle rumlaufen ist eine Sache. Damit Essen auch. Aber im Schlaf? Besser nicht.

Sollte man das Nachmachen?

Also ganz ehrlich, das muss jeder für sich selbst entscheiden mit dem Nachmachen. Man sollte aber dabei auch seinem eigenem Gesundheitszustand gegenüber realistisch sein. Da ich die Trachealkanüle ja selbst trage und ich mich ja auch ganz gut kenne und ich mit 45 Jahren auch noch sehr fit bin und ich außerdem sehr gut im Husten bin, bin ich für mich das Risiko eingegangen. Ich bin mir ziemlich sicher, wenn etwas die falsche Abbiegung nimmt, dann huste ich das auch raus. Gerne hätte ich ja mit einem Arzt besprochen, ob das ok ist oder nicht, aber irgendwie fühlt sich ja kein Arzt dafür zuständig, mir das zu erklären. Ich hätte auch gerne die Hilfe eines Logopäden in Anspruch genommen, aber auch den wollte mir ja niemand verschreiben. Hier übrigens ein paar Infos zum Schlucktraining mit geblockter Trachealkanüle.

Veröffentlicht von

Anabell

45 Jahre, weiblich, Krebsart: Pharynxkarzinom, genauer: Oropharynx (T3). Und mehr über mich hier im Blog. Oder hier: Wer ich bin.

Ein Gedanke zu „Versuch Essen und Trinken mit Sprechkanüle – ohne vollständige Blockung“

  1. Hast Du Schlucktraining von der Rehabilitationsklinik gelernt? Eine Freundin von mir benutzt auch Sprechkanüle und ich hatte keine Ahnung, dass es sehr anstrengend sein kann, zu schlucken. Gut zu wissen, dass Du schon etwas Gutes essen kann. Hoffentlich geht es Dir immer besser.

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