Nach dem Krebs? Die Angst vor dem Rückfall

Wenn jemand in meiner Gegenwart feststellt, dass ich Krebs HATTE, bin ich immer versucht zu korrigieren: ich habe Krebs. Ja, ich weiß, Tumore sind nicht da (hoffentlich) und auch kein aktuelles Krebsgeschwür, aber die Angst ist da. Die Angst vor einem Rückfall. Und es ist sehr schwierig, richtig gesunden Menschen das irgendwie zu erklären.

Ich weiß noch, wie ich vor ca. drei Jahren die Diagnose Krebs bekommen habe. Ja, das war schlimm. Ja, es hat mir fast den Boden unter den Füßen weggezogen, aber eigentlich habe ich meine Gefühle damals recht schnell in den Griff bekommen. Vielleicht auch, weil Krebs ja erstmal etwas Abstraktes war und ich das nicht so ganz begriffen habe. Sicherlich aber auch, weil ich mich von der Angst nicht auffressen lassen wollte und auch stark sein/wirken wollte, um meinen Mann nicht in den Wahnsinn zu treiben.

Irgendwie hatte ich damals auch die tiefe Überzeugung, dass ich meine Krebserkrankung nicht übersehe. Das war auch in Ordnung so. Unsterblich ist niemand, mein Ende wäre dann eben früher da.

Inzwischen ist es aber irgendwie anders. Die Angst vor einem Rückfall ist allgegenwärtig. Insbesondere kurz vor einem Nachsorgetermin gehe ich mir und allen, die mich näher kennen damit auf den Keks, dass ich ja der absolut festen Überzeugung bin, dass der Krebs zurückgekehrt sei und bereits ein Tumor wuchert. Dass mein Arzt beim letzten Besuch, als ich konkret nachgefragt habe, was denn sei, wenn er jetzt feststellen würde, dass der Krebs wieder da ist, drei Minuten den Mund bewegt hat, ohne wirklich etwas zu sagen, war nun auch nicht wirklich hilfreich.

Die Rezidiv-Angst – die Angst vor dem Rückfall

Noch weniger hilfreich ist, wenn man dann erklärt bekommt, dass man aufpassen sollte mit der Angst, denn Wohlfühlen habe einen großen Einfluss auf das Überleben. Menschen, die Angst vor einem Rückfall (Rezidiv-Angst) haben, haben mehr Stress und mehr Stress erhöht wohl die Gefahr eines Rückfalls.

Das ist natürlich eine interessante Statistik. Aber irgendwie hilft der Satz:

Deine Angst vor einem Rückfall erhöht die Wahrscheinlichkeit für einen Rückfall.

Nun auch nicht wirklich weiter.

Wie ich meine Angst klein halte (oder es versuche)

Nun, in den letzten Tagen vor dem nächsten Termin hilft fast gar nicht, vielleicht noch Email schreiben, mit anderen Betroffenen, die genau die gleiche Rezidiv-Angst verspüren und in ihrer Umgebung auch eher auf Unverständnis treffen. Ansonsten konzentriere ich mich auf die Arbeit auf den Hund und wenn es außer der Reihe schlimm wird, gehe ich lange Strecken spazieren. Oder ich schreibe hier im Blog. Hilft auch ein wenig.

Wovor ich Angst habe

Interessanterweise habe ich keine so große Angst vor dem Tot sein. Mehr beschäftigen mich aber zwei Dinge:

  • Unvollendete Enden, eins davon ist mein Hund. Was wird mit ihr? Früher war das kein Problem, da war ich ja verheiratet und ich wusste, wenn ich sterbe, dann sorgt mein Mann für unseren Hund. Aber seit dem mein Mann gestorben ist, fehlt diese Rückversicherung.
    Auch Projekte sind unvollendete Enden, insbesondere wenn ich diese mit anderen durchführe (Kunden weniger, diese Projekte sind doch recht überschaubar).
  • Das Sterben an sich. Als Kassenpatientin in einem Land, in dem die Sterbehilfe nun auch nicht gerade klar geregelt ist, könnte das doch ein schmerzhafter Prozess werden. Der endlich ist, aber dennoch irgendwie angsteinflößend.

Wahrscheinlich gibt es noch einige Dinge mehr, vor denen ich Angst habe, wenn es um die Frage Rückfall oder nicht gibt, aber das sind die beiden, die mich am stärksten beschäftigen.

Noch zwei Jahre, dann ist die Fünf-Jahres-Beobachtung rum

Die ersten fünf Jahre nach einer Krebsbehandlung sind wohl sehr wichtig. Nach dem ich zwei Jahre rum hatte, hat mir ja der Arzt erklärt, dass damit nun meine Überlebenswahrscheinlich gestiegen sei, die ersten zwei Jahre wären wohl besonders gefährlich für einen Rückfall. Dennoch gilt eben auch dieser fünf Jahres-Zeitraum. Den habe ich immerhin zur Hälfte rum.

Wobei ich befürchte, dass ich auch, wenn dieser rum ist, weiterhin Angst haben werde. Vielleicht dann weniger vor einem Rückfall, dann wohl eher vor irgendwelchen weiteren Krebserkrankungen in Folge der Bestrahlung. Derzeit ist meine Zunge ab und an geschwollen, die lag nun mal auch in der Region, die bestrahlt wurde. Ja, wenn ich die eine Angst im Griff zu haben glaube, dann kommt eben eine andere um die Ecke.

Defaitismus macht sich manchmal breit

Fürchterlich. Bei mir macht sich manchmal doch Defaitismus breit. Dann wünsche ich mir fast, ich bekäme die erneute Diagnose. Denn hätte ich einen Rückfall, dann wäre die Sache ja klar, und ich müsste mir darüber keine Gedanken mehr machen. Aber das ist doch sehr albern. Aber dann könnte ich eben wieder versuchen etwas zu tun, statt mutlos darauf zu warten, dass…

Die Lage bleibt schwierig. Ende November ist der nächste Termin.

 

Veröffentlicht von

Anabell

45 Jahre, weiblich, Krebsart: Pharynxkarzinom, genauer: Oropharynx (T3). Und mehr über mich hier im Blog. Oder hier: Wer ich bin.

Ein Gedanke zu „Nach dem Krebs? Die Angst vor dem Rückfall“

  1. Liebe Annabell!
    Nach sehr langer Zeit schaue ich wieder bei dir vorbei! Wie war im November deine Nachsorge? Ich konnte keinen Beitrag mehr finden. Geht es dir gut? Was machst du? Ich hoffe sehr, dass es dir gut geht.

    Habe ich das richtig verstanden, dass du deinen Mann und deinen Hund verloren hast? Lebst du jetzt allein?

    Ich hab ja seit 2003 mit Krebs zu tun. Ich kann dir sagen, dass man die Angst vor neuem Krebs und oder einem Rezidiv nie verliert. Aber man wird gelassener. Ich werde nicht mehr schon 3 Wochen vor dem Nachsorgetermin verrückt; erst 3 Tage vorher. Ich werde nicht mehr wahnsinnig, wenn man mal nicht zu 100 % mit mir zufrieden ist. Ich glaube, man gewöhnt sich an Leben mit der Angst. Zu locker sollte man aber auch nicht werden; man könnte sich unterschätzen und etwas übersehen. ich gehe immernoch alle 3 Monate zur Nachsorge. Momentan wird sogar 4-wöchentlich nachgeschaut.

    Ich mache mir persönlich andere Gedanken. Ich bin (mal wieder) im 5. Jahr. Am 08.07.2019 sind 5 Jahre um. Was dann? Bin ich gesund? Bin ich geheilt? Nö. Sicher nicht. Meine Überlebenschance war gering. Was ist am 09.07.2019? Bin ich tot oder lebendig? Ich weiß nicht… diese 5-Jahres-Grenze macht mir echt Sorgen. Ich kann mich momentan nicht freuen. Das liegt aber daran, dass ich es mittlerweile besser weiß, dass man niemals außer Gefahr ist. Ich finde es unfassbar, dass ich so lange überlebt habe und es sieht alles so aus, als ob das auch so bleibt. Ich freue mich einfach am Leben. Ich bin Oma geworden. Das gibt mir so richtig Power und Freude.

    Mir geht es auch so, dass ich mehr Angst vor dem Sterben als vor dem tot-sein habe. wie wird es sich sterben? Wie lange wird das dauern? Werde ich abgeschoben? Wie werde ich behandelt? ich kann nicht mehr sprechen, weil mir Kehlkopf und Zunge fehlen. Ich werde künstlich ernährt. Mich kann man super in die Ecke legen, ohne dass ich mich wehren kann. Mir graut´s bei dem Gedanken. Zum Glück bin ich psychisch gut aufgestellt. oder wie ich immer sage: ich habe ein sonniges Gemüt (…mit Ausnahmen natürlich)

    Liebe Grüße aus der Lausitz

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