Essen ohne Speichel – Kulinarischer Wildwuchs

Tsja, auch zehn Wochen nach Ende der Bestrahlung gestaltet sich Essen für mich schwierig. Da ist zum einen das Kauen. Ohne Speichel gelingt das nicht bei allen Lebensmitteln. Und da gründlich kauen vor dem schlucken steht, kann ich eben bis heute nicht alles essen, was ich so möchte. Überhaupt ist Schlucken sehr schwer. So die ersten drei, vier, vielleicht fünf Schlucke bekomme ich beim Essen gut hin und dann kann ich ganz einfach nicht mehr, so anstrengend ist das. So werde ich vom Essen alleine natürlich kaum satt.
Aber irgendwie ist das eben dann auch ein Teufelskreis. Aus Bequemlichkeit und weil ich ja auch meine Nährstoffe und Vitamine brauche, konsumiere ich pro Tag halt weiterhin meine zwei Flaschen Sondennahrung mit 1500 Kalorien. Hab ich die aber intus, dann habe ich halt keinen Hunger mehr und damit auch keine Lust, mich mit etwas richtigem zu Essen abzuquälen. Wozu auch, satt bin ich ja.
Deswegen habe ich nun diese Woche umgestellt. Ich nehm nur eine Flasche Sondennahrung. Und schon esse ich deutlich mehr. Da eine Flasche Sondennahrung 750 Kalorien sind, sollte das was ich Esse eben auch 750 Kalorien haben, aber so gut bin ich wohl noch nicht. Selbst mit Joghurt noch nicht. Aber da ich Fortschritte mache, mach ich mir jetzt mal wegen der Kalorien Unterdeckung für ein paar Tage nicht so viel Gedanken.

Was ziemlich gut zu Essen geht: Gurken (klar, die bestehen ja eigentlich nur aus Wasser). Und gebratene Zucchini (dürfen aber nicht zu knusprig werden, sondern eher labbrig). Dazu etwas aus Schmand angerührt oder Tstatziki und es flutscht richtig. Selbst Paprika geht damit, ist aber mühsam zu kauen und zu schlucken, mühsamer als die Gurken.

Toast ungetoastet geht halbwegs und das mit Marmelade. Neulich hab ich das mit Nutella probiert, ging etwas schwieriger, war aber kaubar und schluckbar.

Was ich gar nicht mag, jetzt aber dauernd esse, ist Joghurt. Grrrr. Aber der lässt sich eben prima schlucken. Vor allem Zitronenjoghurt esse ich ab und an, das soll gut für die Speichelproduktion sein. Augen verdreh.

Wovon mir ständig abgeraten wird, was aber geht, ist Eis. Also ich meine das richtige auf Milchbasis. Leider schmecken meine Lieblingseissorten alle sehr geschmacksneutral. Aber ok. Vor zwei Wochen hatte ich sogar eine kleine Eisschokolade beim Italiener und vor einer Woche einen halben Erdbeerbecher (zweite Hälfte war ich zu müde für).

Kartoffelpuffer gibt es jetzt bei uns einmal die Woche. Die gehen nämlich ziemlich gut. Und ich hab das Gefühl was zu schmecken. Ok, ich schaffe jetzt keine zwei oder drei Puffer. Aber einen großen Kartoffelpuffer mit Apfelmus (hab ich früher gehasst, aber in der Not …) ist das lecker und funktioniert. Die Kartoffelpuffer sind natürlich selbst gemacht.

Was nicht geht ist mageres Fleisch. Steak hab ich noch nicht probiert, hab keine Lust frustriert zu sein. Was ich aber erst gestern probiert habe, war so eine Schweinebauchscheibe, nicht zu kross angebraten, ging nicht super gut mit dem Kauen und Schlucken, aber die ersten Bissen waren mal was anderes und gingen. Dann war ich wieder zu müde. Fleisch ist eben anstrengend. Was auch halbwegs gut geht ist Bratwurst und Sachen aus Hack, nicht so gut wie die Kartoffelpuffer, aber ich bekomme mal was anderes zwischen die Zähne. Und nur mit Üben und Üben kann es ja besser werden.

Ebenfalls gut geht übrigens Spargel. Aber der Schinken dazu ist schon fast nicht machbar. Gekochte Kartoffeln und Pommes – naja, geht so. Immerhin, vor acht Wochen ging Pommes noch gar nicht. Ich mache also Fortschritte.

Was ich mal wieder probieren sollte und was schon vor vier Wochen ganz gut ging, waren Croissants. So ein halber mit extra Butter war da schon möglich. Morgen gleich mal einen kaufen. Derzeit probiere ich mich an Schoko-Donughts. Geht nicht ganz toll, aber ist eben mal was anderes. Und neulich hatte ich paniertes Schnitzelchenchen (also ein kleines Schnitzelchen, so dreifache Briefmarkengröße oder so ähnlich :-)). Als es warm war, konnte ich es kauen und schlucken. Am nächsten Tag kalt – ein Ding der Unmöglichkeit.

Als ich neulich viel Unterwegs war wegen Beerdigung bin ich auch Zug gefahren. Bei sechs Stunden in diversen Zügen bekomme ich natürlich Hunger, da ich mir da aber nichts in die PEG spritzen wollte (weniger wegen der Leute, als wegen der Hygiene), habe ich mich an Brötchen versucht. Ich hab mir extra eins mit Gurke, Salat und Braten ausgesucht, war sündhaft teuer, aber ich hab auch immerhin ein Viertel geschafft. Und musste damit nicht unterwegs verhungern 🙂 Inzwischen nehme ich mir für längere Strecken aber Joghurts mit. Bäh.

Achja, Essen gehen. Neulich waren wir eben wegen Trauerfall unterwegs. Haus ausräumen. Abends ging es dann zu Dritt zum Italiener oder zum Griechen. Beim Griechen hatte ich Vorspeise mit Tsatziki und zwar gegrilltes Gemüse. Ein Drittel hab ich immerhin geschafft. Und beim Italiener hab ich mir einen extra Teller geben lassen und ein kleines Stück Calzone gegessen. Man, war das lecker. Aber nach den üblichen fünf Bissen ging wieder nichts mehr.

Im Moment stehe ich ja auf Kartoffelsalat. Bei meinem Edeka gibt es einen mit Essig und Öl. 220 Gramm 280 Kalorien und ich brauche nur 70 Minuten dafür. Und scharf ist der (der schmeckt bestimmt total langweilig und kommt mir nur scharf vor).

Was mich zur Fleischwurst bringt. Das geht auch. Schmeck sogar ein wenig. Braten hingegen geht nicht. Ich wollte jetzt mal Curry King oder so was ausprobieren, und, klar, gibt es bei meinem Edeka gerade nicht. Aber läuft ja nicht weg. Mir bleibt ja noch der Kartoffelsalat 🙂

Jaja, kulinarisch ist das eine wilde Mischung.

Trinken geht derzeit immer noch am besten Wasser. Ab und an versuche ich mal Zitronenlimo, ist auch interessant, aber Wasser ist mir dann doch lieber. Und als wir essen waren, habe ich mal drei Schlucken Wein probiert. Ging eigentlich, aber ich hatte von den drei Schlucken sofort Schlagseite. Bin ja gar nichts mehr gewohnt. Und beim Griechen hab ich mal ein Testschlückchen Ouzo genommen. Aui. Das tat richtig weh im Mund.

Schokolade würde ich gerne, passt aber noch nicht. Was so ein wenig Genuss bringt sind diese Fazermint Bonbons: Schokoladenhülle mit Pfefferminzfüllung. So vier oder fünf am Abend schaffe ich mit viel Willen. Früher hab ich die geliebt. Heute ist es mal eine interessante Geschmacksabwechslung. Und dann hab ich noch diese Kekse probiert, die mit dem Schokoladenüberzug und der Marmeladenfüllung, Jaffa-Kekse? Mit viel Wasser geht es gerade so.

Ich hab bestimmt noch so den einen oder anderen Versuch vergessen. Aber der Einblick ist ja bereits interessant.

Auf meiner dringend testen Liste steht im Moment auch noch Fisch. Ich kann mir vorstellen, dass das ganz gut klappen könnte. Oder Fischfrikadelle? Und Brokkoli und Blumenkohl kann ich mir gut vorstellen. Spargel hat ja auch funktioniert. Und Müsli mit Joghurt und Erdbeeren werde ich mal probieren. Das eine Problem ist ja auf mindestens 1500 Kalorien zu kommen, das andere aber auch, dass die Kalorien nicht nur aus Fett und Zucker bestehen sollten. Ich brauch ja auch die eine oder andere Vitamine.

Achso, mein Logopäde meinte ja, ich sollte mein Essen einfach pürieren. Kostanpassung nannte er das. Hab ich abgelehnt. Ich hasse es, wenn ich nicht sehen kann, was ich esse.

Veröffentlicht von

Anabell

45 Jahre, weiblich, Krebsart: Pharynxkarzinom, genauer: Oropharynx (T3). Und mehr über mich hier im Blog. Oder hier: Wer ich bin.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.